Der merkwürdige Fall von .bg

In der EU gibt es 27 Country-Code Top-Level-Domains (ccTLDs, etwa .nl, .de) plus die TLD .eu. All diese TLDs werden von einer gemeinnützigen Organisation, einem staatlichen Unternehmen, einer Behörde oder einer öffentlichen Forschungseinrichtung verwaltet, mit einer merkwürdigen Ausnahme: Bulgariens .bg

Seit 1991 wird die .bg Domain von einer kleinen Firma in Varna betrieben, die zwei Privatpersonen gehört. Diese Firma, „Digital Systems“ (später: Register.BG), wurde nie vom bulgarischen Staat ausgewählt, hat keinen Vertrag mit ihm und wird in keinem bulgarischen Gesetz erwähnt.

Im Dezember 2025 hat das bulgarische Ministerium für E-Government all das schriftlich bestätigt, als Antwort auf eine Informationsfreiheitsanfrage.

Wie Staaten zu ihrer TLD kommen

1994 hat RFC 1591 erstmals definiert, wer eine ccTLD betreiben darf. Überraschenderweise erwähnt das ursprüngliche RFC Dokument „Regierungen“ gar nicht. Es verlangt lediglich, dass der Treuhänder „technisch kompetent“ ist. Erst später, im ICANN-Dokument ICP-1 von 1999, kam die Formulierung hinzu, die „Wünsche der Regierung eines Landes“ sehr ernst zu nehmen.

In der Praxis der frühen 90er Jahre ging eine ccTLD an den lokalen Betreiber, der als technisch fähig galt und als Erster angefragt hat. Oft war das eine Universität, eine Forschungseinrichtung oder der größte ISP des Landes (der häufig in Staatsbesitz war).

Die meisten Länder haben die Zusammenarbeit mit diesen Betreibern später formalisiert. Die Verwaltung der TLD wurde an gemeinnützige Organisationen, Interessenverbände, Behörden oder öffentliche Forschungseinrichtungen übertragen. Doch in Bulgarien ist das nie passiert.

Eine kurze Geschichte der .bg-TLD

1989 - Die Firma Digital Systems (Цифрови системи ООД) wird in der Hafenstadt Varna von zwei Privatpersonen gegründet. Das Unternehmen wird Bulgariens erster ISP und bietet lokalen E-Mail- und Usenet-Zugang.

1991 - 1991 tritt Digital Systems EUnet bei, einem lockeren Verbund europäischer Internetanbieter, die über frühe UUCP-Verbindungen angebunden waren, bevor sich TCP/IP durchsetzte. Um diese Zeit beginnt Digital Systems eine Registry für .bg-Namen. Aus der RIPE-Korrespondenz geht hervor, dass .bg mindestens seit 1992 für E-Mail genutzt wurde, mit MX-Routing über an EUnet angebundene Hosts.

1993 - Digital Systems startet www.digsys.bg, Bulgariens erste Website. Die November-Liste europäischer Registries des RIPE NCC nennt Digital Systems als IP-Registry für Bulgarien.

1995 - IANA legt am 3. Januar 1995 den formellen Delegationseintrag für .bg an und nennt Digital Systems als Manager.

1998 - Digital Systems führt erstmals eine Einrichtungsgebühr und eine Jahresgebühr für .bg-Domains ein. Andere bulgarische ISPs reichen einen Protest ein, der .bg als nationales Symbol bezeichnet, und schicken ihn an IANA, RIPE, die bulgarische Wettbewerbsbehörde, das Parlament, die Regierung und den Präsidenten. Die Beschwerden werden letztlich zurückgewiesen, und Digital Systems bleibt für .bg zuständig.

2001 - Dieselben zwei Gesellschafter von Digital Systems gründen die neue GmbH „Register.BG“ (Регистър.БГ ООД). Die Registry-Aufgaben gehen von Digital Systems auf die neue Firma Register.BG über.

2006 - Bulgarische Medien berichten, die Verwaltung von .bg solle auf das „First Public Internet Registry“ übergehen, eine neue gemeinnützige Organisation verschiedener Interessengruppen. Die Übertragung hängt davon ab, dass Register.BG die Kontrolle freiwillig abgibt oder ein neues Gerichtsurteil erwirkt.

2007 - Die Initiative zur Übertragung der .bg-Verwaltung scheint ins Stocken geraten zu sein. Bulgarische Medien kritisieren den fehlenden Fortschritt.

2026 - Register.BG ist weiterhin für .bg zuständig.

Der bulgarische Staat äußert sich dazu

Im November 2025 hat ein anonymer Bürger über die bulgarische Plattform für den Zugang zu öffentlichen Informationen den aktuellen Stand der .bg-TLD erfragt. Hier eine ungefähre Übersetzung der ursprünglichen Anfrage:

Nach dem Gesetz über den Zugang zu öffentlichen Informationen bitte ich um Übermittlung der vorliegenden Informationen darüber, wie die Firma „Register.BG“ Ltd., UIC: 103643084 (www.register.bg), zum Unternehmen wurde, das das elektronische Register der Domainnamen in der .bg-Zone führt und auf diesem Gebiet seit 25 Jahren faktisch ein Monopol innehat.

Auf Grundlage welchen Rechts- oder Verwaltungsakts ist das geschehen? Zahlt der Staat für diese Tätigkeit eine Vergütung, und wenn ja, in welcher Höhe? Welche Möglichkeiten sind vorgesehen, dieses Monopol zu beenden - etwa indem mehrere Registrare zugelassen werden, die dem Staat Rechenschaft ablegen und nicht diesem Privatunternehmen?

Wurde für die Erbringung dieser Leistungen keine feste Laufzeit festgelegt, nach deren Ablauf ein neues öffentliches Vergabeverfahren durchzuführen wäre? Soll dieses Unternehmen auf diesem Gebiet bis in alle Ewigkeit Monopolist bleiben?

Nach dem Gesetz über den Zugang zu öffentlichen Informationen bitte ich um folgende Unterlagen:

Die Vereinbarung zwischen dem Staat und dem genannten Unternehmen über die Wahrnehmung dieser Aufgaben.

Quelle: Reg No.: 1765555833-12.12.2025

In ihrer Antwort bestätigt das Ministerium für E-Government, dass der bulgarische Staat keine Kontrolle über den .bg-Namensraum hat:

  • Das Ministerium stellt ausdrücklich fest, dass die Verwaltung von .bg „does not derive from a Bulgarian normative act“, sie ergibt sich nur aus dem internationalen IANA/ICANN-Delegationssystem.
  • Das Ministerium gibt an, keine Unterlagen zur Bewerbung oder Bestätigung von Register.BG als Manager der .bg-TLD zu besitzen
  • Es gab keine öffentliche Ausschreibung, einfach weil das nicht als Vertrag des bulgarischen Staates behandelt wurde.

Seit über 30 Jahren wird .bg von einer privaten Firma betrieben, ohne staatliche Kontrolle. Der Staat hat dieses Unternehmen nie per Gesetz, Vertrag oder Ausschreibung eingesetzt. IANA hat es Anfang der 90er Jahre als delegierten ccTLD-Manager bestimmt.

Kann Bulgarien die Kontrolle über .bg übernehmen?

Die ICANN-Verfahren für eine Redelegation verlangen entweder die Zustimmung des aktuellen Managers oder erhebliches Fehlverhalten des amtierenden Managers. Es ist unwahrscheinlich, dass Register.BG die Kontrolle freiwillig abgibt. Es gibt aber auch keinen Nachweis von Fahrlässigkeit oder Fehlverhalten, der eine erzwungene Redelegation rechtfertigen würde.

2001 wurde die australische TLD .au vom Netzwerkadministrator Robert Elz, der sie viele Jahre lang privat betrieben hatte, auf auDA übertragen, einen Branchenverband, den die australische Regierung unterstützt hatte. 2002 wurde Kenias .ke einem privaten Manager, der nicht mehr reagierte, entzogen und an KENIC übertragen, eine gemeinnützige Organisation mit Rückendeckung der kenianischen Regierung.

In beiden Fällen hat IANA gehandelt, weil der Staat zuerst einen glaubwürdigen Nachfolger aufgebaut hat. Bulgarien hat 2006/2007 einen solchen Nachfolger aufzubauen versucht und es nicht geschafft. Bis dahin bleibt .bg die einzige ccTLD der EU in privater Hand.